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Stolperstein der Woche 28


Über den Umgang mit Behinderung

Mittlerweile sitze ich seit zwanzig Jahren im Rollstuhl. In dieser Zeit habe ich so manch schöne, aber auch eigenartige Erlebnisse mit zufälligen Begegnungen mit Menschen gehabt. Ich selbst tue mir bei einer Beurteilung der Begegnungen zumeist ziemlich schwer und benötige oft längere Nachdenkzeit, um eine Entscheidung zu treffen, ob diese gut oder schlecht bzw. positiv oder negativ waren. Daher überlasse ich eine Bewertung der anschließenden Anekdoten auch Ihnen.

Klagenfurter Innenstadt:

Auf dem Domplatz warte ich auf einen Bekannten. Es ist ein sonniger Tag, der zum Verweilen auf dem Platz einlädt. Ich sitze auf der nördlichen Seite des Platzes, meinen Rollstuhl an eine Mauer gelehnt. Eine Frau mittleren Alters, die offensichtlich eine Sitzmöglichkeit sucht, nähert sich mir. Es beginnt eine einseitige Konversation: „Ihnen geht´s gut, Sie haben Ihren Sitzplatz immer dabei!“ Danach geht sie weiter und setzt ihre an diesem Tag vergebliche Suche nach einer Sitzmöglichkeit fort.

Landeskrankenhaus Klagenfurt:

Nach meiner Physiotherapie begebe ich mich wieder auf den Heimweg. Ich bin gerade dabei, meinen Rollstuhl ins Auto zu zerren. Eine junge Frau kommt vorbei, bleibt stehen, kramt in ihrer Einkaufstasche herum und überreicht mir lächelnd einen Pfirsich. Es bleibt bei dieser nonverbalen Konversation.

Ländliches Volksfest, Bleiburg:

Ein festlicher Umzug mit geschmückten Autos, Pferdegespannen, Blasmusikkapellen und allem was sonst noch dazugehört. Ich habe meinen Rollstuhl am Gehsteig geparkt. Bonbons, Holz-Schneidbretter, Freikarten fürs Autodrom und Karussell etc. werden verteilt und in die Zuschauermenge geworfen. Ein fremder älterer Herr legt mir ein Bonbon auf den Schoß, andere tun es ihm gleich. Letztlich sitze ich mit einigen Bonbons und einer Semmel da, eine Freikarte fürs Ringelspiel oder fürs Autodrom ist leider nicht dabei.

Ebenda einige Jahre später:

Ich fahre mit meinem Rollstuhl über den Rummelplatz, der sich auf einer nicht befestigten Wiese befindet. Als ich gerade kurz beim Autodrom verweilen und dem dortigen Treiben zusehen will, nähert sich ein mir flüchtig bekannter, junger Mann, packt meinen Rollstuhl von hinten und fährt mit mir im Höllentempo einmal rund um das Autodrom. Ich habe große Mühe, mich im Rollstuhl zu halten und habe keine Lust auf Konversation. Die Worte des jungen Mannes in meinem Rücken verstehe ich nicht. Zuerst weil ich mich in einer Art Schockzustand befinde, später weil er zusehends außer Atem gerät und undeutlicher spricht.

Musikfestival, Bleiburg:

Es regnet in Strömen. Die Wiese ist mit Morast und Wasser überflutet. Bretter sind am Boden aufgelegt, um die Festivalsbesucherinnen und –besucher einigermaßen heil ins Veranstaltungszelt gelangen zu lassen. Ich mühe mich mit meinem Rollstuhl über die wackeligen Bretter, immer darauf bedacht, nicht im Dreck zu landen. Ein Festivalmitarbeiter eilt mir zuvorkommend zu Hilfe. Das Spiel der vorherigen Geschichte wiederholt sich. Allerdings geht es diesmal nicht im Höllentempo rund ums Autodrom, sondern auf den auf der schlammigen Wiese aufgelegten Brettern bis zur ersten Stufe! Mir ist es bis heute ein Rätsel, wie ich es geschafft habe, nicht im Dreck zu landen.

Hauptplatz, Völkermarkt:

Samstagnacht, Planquadrat. Ich werde mit meinem Auto von einem mir völlig unbekannten Gendarmen aufgehalten. Er sagt lediglich, „Ach Sie sind´s“ und lässt mich ohne die Wagenpapiere zu kontrollieren weiterfahren. Als Rollstuhlfahrer genießt man offensichtlich einen Bekanntheitsgrad, der schon fast an den eines bunten Hundes grenzt.

Ernst Kočnik

12. Juni 2005

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