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Stolperstein der Woche 34

 

Gehörlose, verloren in der Welt der Hörenden?

„Gehörlose Menschen haben oftmals mit ungerechtfertigter Schlechterbehandlung zu tun. Es gibt Vorurteile gegen sie. Es gibt Ängste und es gibt Missverständnisse. Oftmals gibt es auch Unbedachtsamkeit.“ Dieser Auszug stammt aus dem Diskriminierungsbericht aus dem Jahr 2004 der Österreichischen Gebärdensprachengemeinschaft, der auf Problematiken in der Gesellschaft mit Hörenden hinweist. 

Als „gehörlos“ werden Menschen bezeichnet, welche die gesprochene Sprache auch mit technischen Mitteln nicht über das Ohr wahrnehmen können. Der Großteil dieser Menschen kommuniziert über die Österreichische Gebärdensprache, die eine eigene Sprache ist, die  staatlich erst mit Inkrafttreten des nunmehr am 21. Juli 2005 auch vom Bundesrat beschlossenen Bundesgleichstellungsgesetzes anerkannt sein wird. 10.000 Personen gehören zu dieser sprachlichen Minderheit. Es ist schwer, die Österreichische Gebärdensprache zu erlernen, da kaum Literatur vorhanden ist. Hinzu kommt, dass nur wenige mit Kosten verbundene Kurse[1] besucht werden können. Die Österreichische Gebärdensprache ist nicht im Lehrplan vorgesehen, auch institutionelle Frühförderung in diesem Bereich ist nicht möglich. Gebärdensprachkompetente Lehrer sind in der Minderzahl. Die Minderheit der Gehörlosen kann nur in der Welt der Hörenden bestehen, in dem sie Dolmetscher in Anspruch nehmen. Es gibt zu wenige Gebärdensprachdolmetscher in Österreich. Die Kosten für Dolmetscher entsprechen jenen, die Dolmetscher anderer Sprachen verlangen. Dolmetschkosten sind aber generell für eine Einzelperson nicht so einfach finanzierbar. Vor allem, wenn die Dolmetscher oft eingesetzt werden müssen, z.B. während einer beruflichen Ausbildung. 

Da die Gebärdensprache in unserer Gesellschaft nicht präsent ist, ergeben sich Problematiken in der Kommunikation mit Hörenden. Schon eine Terminvereinbarung und ein Besuch bei einem Arzt oder einer Behörde stellt eine Hürde dar. Der Kontakt ist oft nur über E-Mail oder Fax möglich, jedoch werden diese vielmals leider nicht beantwortet. Gehörlose sind meist darauf angewiesen, dass angehörige Hörende mit Gebärdensprachkompetenz oder Dolmetscher mittels Telefon Kontakt zu Arzt und Behörden aufnehmen. Aber das ist kein alltägliches Problem auf das Gehörlose stoßen. In der Arbeitswelt sind sie Tag für Tag mit Barrieren konfrontiert. Auch die Aus- und Weiterbildung ist für Gehörlose nur erschwert möglich. Es gibt wenige Berufe, die Gehörlose ergreifen können. Beispielsweise können Gehörlose nicht Lehrer, Friseur, Arzt, etc. werden, sondern können nur aus wenigen Berufssparten wählen wie z. B. Maler, Schneider, Buchhalter, Putzfrau, etc., die oftmals deutlich unter ihren Fähigkeiten und Qualifikationen sind. Viele Berufe sind ihnen verwehrt, da sie am Arbeitsplatz eingeschränkt mit Hörenden kommunizieren können und die Kommunikation via Telefon überhaupt nicht möglich ist. In der Berufsschule zeigt sich das Problem, dass Gehörlose mit Hörenden unterrichtet werden, ohne auf ihre Bedürfnisse adäquat einzugehen. Beispielsweise gibt es Lehrer die teilweise mit dem Rücken zur Klasse unterrichten, sodass die Gehörlosen nicht von den Lippen ablesen können und somit dem Unterricht nicht folgen können. Der Unterrichtsstoff muss eigenständig zu Hause nachgelernt werden. Die Gehörlosen müssen viele Prüfungen mündlich ohne Dolmetscher ablegen.

Gehörlose werden bei sicherheitstechnischen Anlagen nicht bedacht. Bei jedem Notruf (Feuerwehr, Rettung, Polizei; Notrufsäulen auf der Autobahn) müssen genaue Angaben zur Person, zum Ort und zum Geschehen über Telefon gemacht werden. Gehörlose sind dazu nicht in der Lage. So musste ein Gehörloser nach einer Autopanne, der Hilfe über das Pannentelefon anforderte, zwei Stunden lang im strömenden Regen auf der Autobahn warten, ohne zu wissen, ob diese nun kommen würde. Leider kam nach zwei Stunden noch immer niemand und der Gehörlose ging zur nächsten Ausfahrt, um Hilfe zu holen. 

Das ist kein Einzelfall. Alarmsignale sind nach wie vor akustisch ausgerichtet. 

In den Bereichen, wo Hörende akustische Signale wahrnehmen, wie zum Beispiel Klingel, Telefon, Wecker, Feuermelder etc., behelfen sich Gehörlose mit Vibration und Lichtsignalen.

Leider gibt es nur sehr wenige Institutionen, die beispielsweise über Feuermelder mit Lichtsignalwarnung verfügen. In Folge einer Begutachtung im März 2004 im Landeszentrum für Gehörgeschädigte wurde im Kindergarten und in der Schule kein einziger visueller Feuermelder gefunden. Die Begründung war, dass es ja hörendes Personal gäbe, das diese Informationen im Ernstfall weitergeben könnte, um die Gehörlosen zu warnen.

Um all diesen Problemen ein Ende zu setzen, wäre es wichtig, die Gesellschaft auf die Gehörlosen und die Gebärdensprache aufmerksam zu machen, dies wäre möglich durch Präsenz der Gebärdensprache im Fernsehen und durch öffentlichen Veranstaltungen. Ein erster Schritt wurde im Juli 2004 gesetzt, seit dem können Gehörlose die Nachrichten um 19:30 Uhr mit Hilfe von einer Gebärdensprachendolmetschereinblendung sehen. Jedoch ist es ein sehr beschränktes Angebot und auch nur via Satellit im Kanal ORF 2E empfangbar.

Wünschenswert wäre ein verbessertes Angebot an Kinderfilmen mit Gebärdensprache, mehr Unterrichtsmaterialien, Filme mit Untertitel.

Diese Probleme im Umgang mit der hörenden Gesellschaft sind nur ein kleiner Auszug aus der Welt der Gehörlosen. Wer zu diesem Thema mehr erfahren möchte, kann Informationen über die Homepage des  Österreichischen Gehörlosenbundes erhalten.

Ein Tipp unsererseits: „Besucht Gebärdensprachkurse, diese können euer Leben bereichern!“

Angelika Messner, Maria Hassler, Yvonne Moser, Ximena Zombat-Zombatfalva

24. Juli 2005



[1] Die Kosten für Gebärdensprachkurse entsprechen in etwa den Kosten, die auch für andere Sprachkurse ausgelegt werden müssen.


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