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Stolperstein der Woche 44

 

 

Scheidung einer Komapatientin

Ein Artikel in der Kleinen Zeitung am 25.9.2005 weckte in mir Erinnerungen an die Medienberichte im Fall Terri Schiavo. Sicher erinnern auch Sie sich noch daran. Terri Schiavo verhungerte, weil die Nahrungszufuhr abgestellt wurde.

Nunmehr gibt es auch in Kärnten einen Fall Schiavo. Zwar in abgeschwächter Form, schließlich steht hier nicht die Tötung, sondern lediglich die Ehescheidung ohne Einwilligung der Komapatientin zur Diskussion. Aber trotzdem sehe ich einige Parallelen.

OGH ebnet Weg für Scheidung einer Komapatientin“ lautete die Schlagzeile der Sonntagsausgabe der Kleinen Zeitung vom 25. September 2005. In wenigen Worten ausgedrückt, geht es in diesem Artikel um die Frage, ob der Sachwalter der seit 2004 im Wachkoma liegenden Frau das Recht hat, für diese die Scheidung einzureichen. Der Oberste Gerichtshof hob die vom zuständigen Bezirks- und Landesgericht getroffene Entscheidung auf und verwies den „Fall der Kärntner Komapatientin nun zurück zum Erstgericht [...] dort muss das Pflegschaftsgericht prüfen, ob die Scheidung für die Frau von Vorteil ist.“ Sollte dies zum “Wohl des Mündels“ sein, „kann der Sachwalter den Scheidungsprozess im Namen des Schützlings durchfechten.“

Schade, dass aus dem Artikel nicht hervorgeht, wer der Sachwalter ist. Ist es eine Person, die in einem Verwandtschaftsverhältnis zur Komapatientin steht? Diese Unkenntnis lässt die wildesten Spekulationen zu. Möglicherweise könnte der Sachwalter einen persönlichen Nutzen aus der Scheidung ziehen?

„Würde die Ehe der Betroffenen weiter laufen – obwohl sie unfähig ist, sich zu artikulieren und im Wachkoma liegt – stünde ihrem Gatten ein Erbrecht zu.“ Der Grund scheint also eine Erbangelegenheit zu sein, was die obige Annahme erhärtet.

So oder so ist es jedoch eine zum Himmel stinkende Sache. Zugegeben, eine Urteilsbildung ist aufgrund der spärlichen Informationen schwierig, jedoch ein Interesse im Sinne der betroffenen Frau lässt sich schwer ableiten. Sie hätte diesen Schritt wohl im Laufe der 20 von ihrem Mann getrennt verbrachten Jahre gesetzt.

Wie bei Terri Schiavo wird über den Kopf des betroffenen Menschen - oder juristisch, jedoch nicht politisch korrekt ausgedrückt, über den Kopf des „Mündels“ bzw. „Schützlings“ entschieden.

Ernst Kočnik

2. Oktober 2005

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