2. BEGRIFF UND THEORIEN DER  KREATIVITÄT


2.1. BEGRIFF DER "KREATIVITÄT"

Zur Etymologie des Wortes Kreativität kann gesagt werden, dass es seinen Ursprung im lateinischen creare, was zeugen, gebären, schaffen, bzw. erschaffen heißt, hat. Überträgt man den Begriff "creativity" ins Deutsche, so kommt man zu Formulierungen wie "schöpferische Fähigkeit", "schöpferisches Denken",  "schöpfen", usw. Diese Formulierungen haben in der deutschen Formulierung durch  ihren religiösen und philosophischen Hintergrund jedoch eine andere notative  Bedeutung als "creativity". Daher sei in dieser Arbeit das Wort "Kreativität" in Anlehnung an den amerikanischen Begriff gebraucht.

Wenn schon eine einheitliche Definition des Begriffes in der Literatur nicht anzutreffen ist, scheint doch ein gewisser Konsensus darüber zu bestehen, dass der Bereich des Kreativen weit über die Grenzen des Künstlerischen, für das der Begriff früher fast ausschließlich reserviert war, hinausgreift.
Auch dürften bestimmte Kriterien wie zum Beispiel Originalität oder Neuartigkeit des Produktes, Flexibilität und Einfallsreichtum der produzierenden Person, Offenheit und Flüssigkeit des Produktionsprozesses eine Abhebung vom Nichtkreativen sowie eine Messung ermöglichen. Paul J. Guilford, einer der wohl bedeutendsten Kreativitätsforscher hielt, als er 1950 Präsident der "American Psychological Association" wurde, einen vielbeachteten Vortrag mit dem Titel "Creativity"(1). Man kann ohne Übertreibung sagen, dass Guilford in diesem Vortrag den  Fachterminus "Creativity" wiederentdeckt hat. In diesem Begriff gingen sowohl sein umgangssprachlicher Standort im semantischen Raum ein, als auch seine  intendierte psychologische und jetzt auch soziologische Bedeutung. Uhlmann meint:" 'Creativity' ist zunächst als eine Art 'Arbeitsbegriff' zu verstehen,  der viele vorher bestehenden

Begriffe vereint und der durch die seit 1950 stark anwachsende experimentelle Forschung immer wieder einen neuen Sinn erhält."(2)
Guilford selbst versteht unter Kreativität ein Verhaltensmuster, das Faktoren enthält wie Sensitivität für Probleme, Einfühlungsvermögen, Flüssigkeit des Denkens, Fähigkeit zur Produktion neuartiger Ideen, geistige Flexibilität (womit die Fähigkeit zum mühelosen Wechseln von Bezugssystemen gemeint ist), sythetische Fähigkeiten, analytische Fähigkeit, die das Vermögen zur Umorganisation beziehungsweise Neudefinition beinhalten, Komplexität der begrifflichen und symbolischen Struktur, die man zu beherrschen vermag und,  schließlich und endlich, Motivationsfaktoren und Einstellungen. Besonders wichtig für eine soziologisch orientierte Kreativitätsforschung sind unmittelbar der erste und die beiden letzten Faktoren sowie ein Teil der anderen Faktoren  über den "sozio-linguistischen Umweg". Die im nächsten Kapitel zu behandelnden  Dimensionen des Begriffs der Kreativität (soziologische, anthropologische,  kulturtheoretische, usw.) haben ihre Kontinuität nicht im Produkt für das man nur jeweils angeben kann, dass es für eine Person, eine Gruppe oder eine Kultur "neu", "wertvoll" ist, sondern im kreativen Prozess. Bei der Analyse dieses  Prozesses begann man ihn auch mit anderen Denkprozessen und Verhaltensweisen zu vergleichen und fand, dass er dem Problemlösungsprozess analog ist. Dieser hat wiederum weitgehende Analogien zum Prozess des sozialen Wandels überhaupt. Die Soziomorphismen (zum Beispiel Hierarchie der Kreativität) und die  Anthropomorphismen (zum Beispiel Inkubationszeit) laufen Gefahr, wenn sie unreflektiert in die Modellsprache eingehen, die nicht präzise Analyse eines ohnehin recht schwer zu bestimmenden Gegenstandsbereichs zu verunmöglichen. Dieser wissenssoziologischen Aufgabe kann in der vorliegenden Arbeit nur in  Hinweisen Rechnung getragen werden.

Der eigentliche Beginn der wissenschaftlichen Erforschung der Kreativität  kann schon mit Galtons "Hereditary Genius (1869) angesetzt werden. Es war jedoch  nicht Galton, der die Kreativitätsforschung so in Gang brachte, dass man von  einem eigenen Forschungszweig, der durch ihn gegründet wurde, reden könnte. Vielmehr erscheinen dem Verfasser vier wesentliche Ausgangspunkte der Kreativitätsforschung wissenssoziologisch und wissenschaftsgeschichtlich feststellbar: Es handelt sich um die bereits eingangs erwähnte amerikanische Heerespsychologie,  die Forschungssoziologie, die Reformpädagogik und die Werbung mit ihren dauernd notwendigen ästhetischen "Kreationen".

Zu manchmal gebräuchlichen Unterscheidungen von wissenschaftlicher und künstlerischer Kreativität wäre festzustellen, dass es beim gegenwärtigen Stand der Begriffsbildung nicht sinnvoll ist, beide voneinander zu trennen, nachdem künstlerische Kreativität oft auch mit dem Wort "Imagination" umschrieben wird und darunter ein Denken und Handeln verstanden wird, das phantasievoll ist, diese Fähigkeiten offensichtlich aber, wie in Osborns Buch "Applied Imagination" (1953) keinesfalls für die Kennzeichnung künstlerischen Schaffens reserviert werden kann. Wir werden feststellen, dass keiner der nun folgenden Begriffe eine Trennung von künstlerischer und wissenschaftlicher Kreativität beeinhaltet.  "Genialität" steht zwar im Sprachgebrauch des Alltags in engem Zusammenhang mit dem Begriff Kreativität, kennzeichnet aber in der amerikanischen Soziologie und  Psyhologie eine Forschungsrichtung, die sich mit Hochbegabten beschäftigt(3). Die vorliegende Arbeit ist nur am Rande interessiert, Phänomene der Genialität soziologisch zu erklären. Die quasi "durchschnittliche" Kreativität und ihre Steigerung ist zwar eine der wesentlichsten Voraussetzungen für Genialität, jedoch mit dieser nicht identisch. Auch im amerikanischen Wortgebrauch wird ein dem Sinn nach der "Genialität" ähnliches Wort "ingenuity"  eigens dazu benutzt, um die höchste Form kreativen Verhaltens zu kennzeichnen.

Der Terminus der "Originalität" wird heute oft noch synonym mit Kreativität gebraucht. Das Kriterium der "Neuheit" ist es, das Kreativität und Originalität gemeinsam haben. "Neu" kann dabei im Sinn von etwas noch nie Dagewesenem  verwendet werden, oder in der Bedeutung, dass damit etwas vom üblichen Abweichendes, das heißt Ungewöhnliches und sich vom Normgemäßen Unterscheidendes bezeichnet  wird.

Untereinander mit dem Wort "Kreativität" synonym verwendet werden die  Begriffe "inventivness" und "discovery", das heißt "erfinden" und "entdecken". Zum Unterschied zwischen den Begriffen "erfinden" und "entdecken" lässt sich feststellen, dass "entdecken" bedeutet etwas zu finden, das zwar unbekannt, aber schon immer dagewesen ist, "erfinden" hingegen meint, dass etwas vorher noch nicht Dagewesenes erdacht wird. So wird von der Entdeckung Amerikas aber von der Erfindung der Dampfmaschine gesprochen. Beides - Finden und Entdecken - sind jedoch Aspekte kreativen Verhaltens. Eine Anzahl weiterer Begriffe wird bei der  Kennzeichnung kreativen Verhaltens ebenfalls verwendet. So verwendet man den Begriff "Offenheit", wenn man eine aufnehmende Haltung der Umwelt gegenüber charakterisieren will. "Gedankenflüssigkeit" und Kreativität beziehen sich hauptsächlich auf den quantitativen Aspekt kreativen Verhaltens, auf die Fülle  des Produzierten.

Der Terminus "Innovation" wird besonders in der soziologischen Theorie des sozialen Wandels zur Kennzeichnung von Prozessen der Einführung von Neuerungen  aller Art verwendet.

Die Dimension des "Zufälligen" beim kreativen Denken und Handeln ist noch  sehr umstritten. Uhlmann stellt fest, dass man sehr dazu neigt, "zufällig" auftauchende Gedanken in einem prinzipiellen Zusammenhang mit "Flexibilität" zu  sehen, wobei mit "Flexibilität" die Fähigkeit gemeint ist, seine Gedanken  umstrukturieren zu können.

In der amerikanischen Kreativitätsforschung werden die beiden Begriffe "Anpassung" und "Spontaneität", die eigentlich gegensätzlich sind, so umdefiniert, dass sie fast zu Synonymen werden. Es wird darauf aufmerksam  gemacht, dass auch spontanes Verhalten von Umweltgegebenheiten ausgelöst werden kann. Und Parnes(4) stellt schließlich fest, dass unter Anpassung auch verstanden werden könne, dass das Individuum sich die Umwelt anpasst. Mit "sozialer Kreativität" ist jene Fähigkeit gemeint, die es ermöglicht, in Rollensystemen diese selbstschöpferisch zu verändern.


Diese erste Aufzählung der Begriffe wird ihre genaue definitorische Komplettierung in den entsprechenden Abschnitten erfahren.
 

2.    Begriff und Theorien der Kreativität
2.1. Begriff der